Klaus Theweleit: Diese Körper sind von Angst erfüllt (Interview L.I.S.A. 2018)

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„Der rechte Mob will töten, überall auf der Welt“

L.I.S.A.: Herr Professor Theweleit, Sie haben sich in Ihrer Forschung und in vielen Ihrer Bücher mit Gewalt, die von Männern ausgeübt wird, beschäftigt – vom Terror der Freikorps in Ihrem weitrezepierten Zweibänder „Männerphantasien“ bis zum Amoklauf von Anders Breivik in Ihrer jüngsten Monographie „Das Lachen der Täter“. Darin gehen Sie den Motiven bzw. Antrieben dieser Männer auf den Grund, Angst, Schrecken und Terror zu verbreiten. Wenn man sich die aktuellsten Bilder von gewalttätigen Ereignissen anschaut – so insbesondere die Hetzjagd auf Menschen in Chemnitz -, sehen Sie da Parallelen zu den Männern, die Sie in den oben angesprochenen Büchern untersucht und besprochen haben?

Prof. Theweleit: Hetzjagden auf Menschen haben überall auf der Welt ähnliche Hintergründe. Ideologisch werden sie zwar sehr verschieden „begründet“ – politisch, religiös, lokal verschieden.  „Gründe“ lassen sich für alle Sorten Handlungen auf der Welt immer „finden“; das ist halt das Kreuz mit der sogenannten „Rationalität“. Dinge, die als „tatsächliche“ Begründungen durchgehen könnten, werden dabei eher selten genannt. Das heißt, Begründungen sind in der Regel willkürlich. Das ist den jeweiligen Tätern nicht immer bewusst, manchen aber schon. Die kennen ihre Beweggründe genauer: sie lauten auf töten wollen. Es gibt Menschen – in den verschiedensten Kulturen – die darauf angelegt sind, andere Menschen um sie herum gewaltsam aus ihrem Umfeld zu entfernen. Wie dieser Typus funktioniert, habe ich in Männerphantasien und anderen Büchern beschrieben. Es gibt lokale Abweichungen darin; bei den Chemnitzern sicher besondere Spezifika; zum Beispiel den Umstand, dass in Chemnitz ein Nazi-Netzwerk den Mördern des NSU jahrelang Deckung gab. Aber im Grundsätzlichen ähneln sich solche Täter. Der Hetzmob, der am Sonntag, dem 10. September, in Koethen unterwegs war, beklatschte und bejohlte einen Hetzredner, der brüllte: „Wollt ihr weiterhin die Schafe bleiben, die blöken, oder wollt ihr zu Wölfen werden und sie zerfetzen“. Er rief dazu auf, die politischen Gegner „zu Hause zu stellen“, „vor ihren Türen auf sie zu warten“. Zusammengenommen sind das Mordaufrufe. Der rechte Mob will töten, überall auf der Welt.

„Ursachenforschung ‚professionell‘ gibt es nicht“

L.I.S.A.: Bevor Ursachenforschung professionell betrieben werden kann, finden sich in den Medien bereits zahlreiche Erklärungen, warum Neonazis Menschen durch die Stadt jagen, die nicht so aussehen wie sie meinen, dass diese auszusehen hätten. Zu den Erklärungsmustern gehören unter anderen: „Modernisierungsverlierer“, „abgehängte untere Mittelschicht“, „unbelehrbare Nazis“, „Angst vor Überfremdung“, „typisches Erbe des verordneten Antifaschismus in der DDR“ usw. Überzeugt sie einer dieser Erklärungsansätze?

Prof. Theweleit: Ursachenforschung „professionell“ gibt es nicht. Es handelt sich immer um mehr oder weniger fundierte Spekulationen. Manchmal um reine Phantasien. Am nächsten kommt man „Ursachen“ für Gewalthandlungen, wenn man an den Körperzuständen der jeweiligen Täter ansetzt.

„Unabdingbar zur ‚Erklärung‘ von Gewaltausbrüchen ist die Psychoanalyse“

L.I.S.A.: Wenn man nun versuchen möchte, den Ursachen für diese Gewaltausbrüche und den dazugehörigen Phantasien von einem homogenen Nationalstaat auf den Grund zu gehen, welche Disziplinen bieten am ehesten entsprechendes Analyse- und Erklärpotential? Ist es die Geschichtswissenschaft, die historische Entwicklungen für maßgeblich hält? Ist es die Soziologie, die von sozio-ökonomischen Strukturen und Verhältnissen ausgeht? Ist es die Ethnologie, die sich der kulturellen Codes von Kollektiven annimmt? Oder ist es die Psychoanalyse, die sich den unbewussten Schichten und Strömungen nähert und diese offenlegen möchte?

Prof. Theweleit: Am wenigsten ist da von Historikern (1) zu erwarten. Die können sich nicht einmal darauf einigen, ob entscheidende Obernazis wie Hitler oder Himmler die Judenvernichtung angeordnet hätten (oder vielleicht: nicht), solange sie kein unterschriebenes Dokument dazu in der Hand haben.

Bei den Soziologen (2) sieht es etwas besser aus. Sozio-ökonomische Strukturen spielen immer eine Rolle. Ganz so tumb wie ein Normalhistoriker kann ein halbwegs intakter Soziologe kaum werden. Warum zum Beispiel gerade „Duisburg“ oder „Chemnitz“, können Soziologen genauer darstellen als Historiker (denen dazu natürlich die Dokumente fehlen). Ob SoziologInnen aber entscheidend besser sein können, hängt davon ab, wie gut ihre Verankerung in den Bereichen drei und vier ist.

Die (3) Ethnologie, „die sich der kulturellen Codes von Kollektiven annimmt“, ist eine allgemein unterschätzte und zu wenig beachtete Disziplin. Sie hatte immer unter dem „historischen Materialismus“ marx’scher Schule zu leiden, der „Erklärungen“ politischer Phänomene nach Klassenlagen nicht nur vorschlägt, sondern vorschreibt. Während Ethnologen eher beschreiben, was vorliegt und ausdifferenzieren, was vor sich geht. In gesellschaftspolitischer Theorie – etwa dem Bedenken von Machtstrukturen, wie Foucault es entwickelt – haben Ethnologen aber in der Regel Defizite. Und manchmal einen Mangel an exakten historischen Kenntnissen.

Unabdingbar zur „Erklärung“ öffentlicher (wie privater) Gewaltausbrüche ist die Psychoanalyse (4). Genauer gesagt: sie wäre es. Wenn die Psychoanalytiker, die wir haben, entsprechend wären. Mangel an exakten historischen wie soziologischen Kenntnissen ist jedoch geradezu eins der Markenzeichen der Analytiker-Kaste. (So wie es Markenzeichen von Historikern und teils Soziologen ist, von Psychoanalyse keine Ahnung zu haben; und dies stolz auszustellen). „Sich den unbewussten Strömungen“ zu nähern, um diese „offenzulegen“ – wie Ihre Frage es formuliert – wäre aber ein nicht ausreichendes psychoanalytisches Programm.

Gewalt wird begangen von Menschen, einzeln oder in Verbänden. Menschen sind nicht Abstrakta, deren Handlungen über Zuordnungen wie bewusst/unbewusst zugänglich werden. Menschen leben in Körpern, Menschen sind Körper. Mit dieser Tatsache kommen alle vier der genannten nicht zu Rande.

Quelle / Anmerkungen / Weiterlesen > L.I.S.A.

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Karl Popper – „Lasst Theorien sterben, nicht Menschen!“

Info des Uploaders

Nicht nur Menschen sind sterblich, auch Theorien. Die Fehlbarkeit der Vernunft galt für den Philosophen Sir Karl R. Popper (1902-1994) in der Wissenschaft wie in der Politik. Fehlerhafte theoretische Entwürfe sind genauso zu beseitigen, wie unliebsame Herrscher. Dem Falsifikationskriterium in der Wissenschaft entspricht daher in der Politik das Abwählbarkeitskriterium, durch das sich Demokratien von totalitären Staatsformen unterscheiden. Der Film skizziert Leben und Werk von Karl Popper. Er wurde vor allem durch Beiträge zu Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, zur Sozial- und Geschichtsphilosophie sowie zur politischen Philosophie und zum kritischen Rationalismus bekannt Am Ende fehlen leider ca. 2 Minuten. Aus der Reihe „Philosophie heute“, Uwe Zimmermann 1990,

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Sir Karl Raimund Popper (1902 – 1994), der Begründer des Kritischen Rationalismus, war einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts. Der weltweit beliebte und vielfach geehrte Philosoph war berühmt für seine sokratische und intellektuelle Bescheidenheit: „Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, soll schweigen und weiterarbeiten bis er’s klar sagen kann.“

Siehe auch > wikipedia

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John Searle: Der Sinn des Bewusstseins (Sternstunde Philosophie)

Präsentation des Schweizer Fernsehens
(3 .Juni 2018)

Seit mehr als einem halben Jahrhundert gehört John Searle zu den einflussreichsten Philosophen der Welt. Mit Wolfram Eilenberger spricht er über die Macht der freien Rede, die Kraft der Imagination und die Schnapsidee von denkenden Maschinen.

Kaum ein Denker hat die Gegenwartsphilosophie so stark geprägt wie John Searle. Ob es um die Komplexität des menschlichen Sprechens geht, das Rätsel des Bewusstseins oder die Grenzen der künstlichen Intelligenz: Searles Thesen und Gedankenexperimente sind ebenso visionär wie provozierend, ebenso griffig wie tiefschürfend. Im Gespräch mit Wolfram Eilenberger erklärt der US-Amerikaner, weshalb er vor Donald Trump genauso wenig Angst hat wie vor dem Tod, warum Computer in Wahrheit nicht denken können und worin er die wichtigsten Herausforderungen der Zukunft sieht. Tour d’Horizon mit einem der grossen Geister unserer Zeit.

Quelle: https://www.srf.ch/

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Klaus Heinrich – Der Gesellschaft ein Bewusstsein ihrer selbst geben (DLF, nov. 2017)

Klaus Heinrich im Gespräch mit René Aguigah

Diese Audio-Datei ist auf DLF nicht mehr verfügbar (23.9.2018)

Zum Protokoll des Gesprächs > www.deutschlandfunkkultur.de/

Zur Audio-Datei > Klaus Heinrich, Religionsphilosophie (SWF 2013)

 

klaus_heinrich2Klaus Heinrich am 3. Januar 2013 (Photo: Kaempfer)

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Dietmar Kamper: Der Augenblick des Ketzers (2001)

Methodologische Präliminarien

Für Rudolf Heinz

Es ist riskant, zuletzt immer auf dieselbe Manifestation zu sprechen zu kommen: auf die Konfrontation von Sterblichkeit und Unsterblichkeit, von Geistesgegenwart und geistiger Gegenwartsunfähigkeit, von „wahrem“ Augenblick und „falscher“ Ewigkeit. Die inquisitionsgeborene Orthodoxie kannte keine größere Sünde als die Behauptung, es gäbe ein erfülltes Dasein im Diesseits und es könne der einzelne Mensch in Freiheit dafür einstehen. Sobald sich diese „Sünde wider den Heiligen Geist“ regte, oft schon vorher, wurde sie mit allen Mitteln „plattgemacht“, auch dadurch, daß man sie beim Namen nannte. Das ist die Crux. Der Augenblick weiß sich nicht. Er kann sich nicht verteidigen, weil der Widerstreit, dem er ausgesetzt ist, nicht auf der Ebene gelehrten Wissens stattfindet. Die Gerichtsszene selbst ist bereits der Sieg über den vermeintlichen Kontrahenten und damit das Ende aller Gerechtigkeit. Deshalb läßt sich mittels der Ketzerakten nicht, auch nicht durch die sorgsamste Eruierung möglicher Gegenbilder herausfinden, um was es bei den Prozessen wirklich gegangen ist. Auch die Ketzer, einmal vor die Schranken des Gerichts gezerrt, wußten es nicht. Es kommt immer derselbe todgeredete Quatsch heraus, der sich aus den Unterstellungen der Anklage nährt und viel mehr vom Todhaß auf das Leben verrät, als den Anklägern lieb sein kann. Deshalb also ist die umgekehrte Perspektive fällig, nämlich nachzuforschen, wie die Orthodoxie ihre Großherzigkeit verlor und zu diesem miesen, kleinkarierten Tribunal wurde, das bis heute in vielerlei Gestalt folgenschwer am Werk ist. Häresie heißt selber denken, wobei der Ausgang ungewiß ist. Orthodoxie ist Denken im Auftrag und wird so zwangsläufig zum Prüfen und Überprüfen bereits feststehender Resultate. „Die richtige Lehre“ existiert immer schon, auch zum Zeitpunkt ihrer Ausarbeitung. Eine richtige Häresie gibt es nicht, insofern sie von Anfang an insuffizient ist in Betracht des Unaussprechlichen, das sie am Leben erhält. Diese „Schwäche“ haben sich die Gegner zu nutze gemacht und mit allen Mitteln versucht, den Nachweis zu führen, daß es ein Unaussprechliches nicht gibt und daß, falls es doch ein Unaussprechliches gibt, es bereits „richtig“, d.h. orthodox formuliert wurde. Alle Ketzerei sei, so betrachtet, verlorene Liebesmüh. Viele haben aufgegeben in der Not der Verzweiflung, aber nicht alle. Gelegentlich kam eine Antwort durch, die ins Herz der verschatteten Vernunft traf, mittels der eigenen Ungewißheit die lächerliche Gewißheit des rechten Glaubens attackierte und ausdrücklich bezweifelte, ob es überhaupt eine Orthodoxie gibt. Dann zumeist wurde Feuer und Schwert zur Klärung der Lage eingesetzt.

Es war nie die Stärke, sondern die Schwäche des Glaubens, die zur Orthodoxie-Bildung führte. Der Orthodoxe braucht den Ketzer, um sich zu festigen. Ein Mechanismus von brutaler Einfachheit. Man lebt vom Tod des Anderen. Nach und nach erfaßt die Brutalität auch den Ketzer, der seinerseits nach „Rechtgläubigkeit“ verlangt, so daß über lange Zeiten der Auseinandersetzung hin nur noch zwei Orthodoxien im Spiel sind. Das gibt zu manchen Verwirrungen Anlaß, von denen die Ketzergeschichten voll sind. Fast alle Autoren sehen sich genötigt, angesichts der erscheinenden Symmetrie die Standpunkte zu klären, ob man heute dafür oder dagegen ist. Damit aber reiht man sich ein in eine „mentale“ Orthodoxie, die für das notwendig asymmetrische Verhältnis, das ihr vorausgeht, keinen Sinn mehr hat. Orthodoxie ist eben zunächst kein Register zur Reinigung verschmutzter Institutionen, sondern ein transzendentales Selbstverhältnis des Denkens selbst. Das gilt sowohl für die „Gegenstände“ der Untersuchung, als auch für die „Methode“ der Untersuchung. Dadurch, daß das untersuchende Denken nah bei sich selbst eine Art Zwangsvollstreckung übt, setzt es sich außer Kompetenz, bei dem Wort Freiheit etwas anderes zu hören als Bedrohliches und Gefährliches. Freiheit aber ist das große Schlüsselwort der Häresie.

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Dietmar Kamper über Georges Bataille

Kongress Moderne der Jahrhundertwende(n)
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Dezember 1998

„Ästhetische Souveränität – das ist Batailles Antwort auf das Scheitern der Avantgarden der Moderne ebenso wie auf das Scheitern der herkömmlichen Religionen. Mit der Einlösung der Fraktalität des Geschlechts und des Gehirns ist der Gotteskomplex der Menschen, die absolute Machtposition gegenüber dem, was ist, gebrochen.“ (Dietmat Kamper). –  Mehr auf > kamper.cultd.net

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Klaus Heinrich, Religionsphilosophie (SWF 2013)

Seine Vorlesungen waren Kult. Wenn der Religionswissenschaftler Professor Klaus Heinrich in Berlin-Dahlem dozierte, strömten Studierende aus allen Fachrichtungen zusammen, um einem charismatischen Universalgelehrten zu lauschen. In der Literatur- und Kunstgeschichte, in Politikerreden und Ideologien spürte er libidinös, religiös und mythologisch aufgeladene Begriffe auf. Er wies nach, welche Macht sie z.B. im Nationalsozialismus entfalten konnten. Und beschrieb Religion als ein Unterfangen zur gesellschaftlichen Selbstverständigung. Seine kritische Grundhaltung spiegelt sich in Klaus Heinrichs Leben wider: Von den Nazis wurde er der Wehrkraftzersetzung angeklagt, an der Ostberliner Universität hatte er politische Schwierigkeiten. So wurde er zu einem Gründungsmitglied der Freien Universität. Sein religionsphilosophischer Blick auf unsere Zeit und seine persönlichen Erinnerungen stehen im Zentrum des Gespräches.

Stand: 9.6.2013 auf > SWF2

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