Dietmar Kamper († 2001) an Paul Virilio († 2018)

Nota Bene

Dietmar Kamper (geb. 1936) hat diesen Text im Zuge der Anschläge des 11. September und kurz vor seinem krankheitsbedingten Tod am 28. Oktober 2001 in Berlin geschrieben. – Die französische Übersetzung hat er Paul Virilio (1932-2018) gewidmet.

Assoziationen. Sieben abgewehrte Sätze über Kunst, Terror und Zivilisation

Erstens

Gegen Ende des 12. Jahrhunderts, im Jahre 1164, verriet Raschid al-din Sinan, der berüchtigte Alte vom Berge, Führer der Assassinen, seinem Lieblingsschüler jene Worte, die sein eigener Lehrer Hassan i Sabbah II auf der Bergfeste Alamut buchstäblich aus sich herausgestoßen hatte: in einer öffentlichen Feierstunde warf der Lehrer den Koran fort, den er jahrelang studiert hatte, verkündete das Ende des Gesetzes und rief das tausendjährige Reich der Freiheit aus. „Nichts ist wahr, alles ist erlaubt“. Dies war das Losungswort, ein unwiderruflicher Einstieg in die Kritik der Zivilisation, die erste Zeile im Kanon eines kommenden Glaubensbekenntnisses der Brüder und Schwestern vom freien Geist (wie Greil Marcus schreibt). Die Blasphemie ist eine Zeitbombe des „Bösen“, die sofort zur Distanzierung und Diskriminierung der gesamten zivilisierten Welt führte und die Assassinen, harmlose Haschischesser, zu „Mördern“ auf Lebenszeit, auf Geschichtszeit, auf Weltzeit machte. Auf der anderen Seite sorgte das proklamierte Ende des Gesetzes in den Hochreligionen, auch im Islam, für ähnliche Ungereimtheiten. Hassan i Sabbah II ließ alle enthaupten, die dem Losungswort nicht folgen wollten oder konnten und beförderte so die vom Gesetz „Erlösten“ auf der Stelle in ein Gefängnis, dessen Mauern aus Bildern der Freiheit bestanden. Nie seit Anfang der Welt waren die Menschen derart unter Zwang und derart der Schonungslosigkeit eines leeren Himmels ausgesetzt.

Zweitens

„Alle Kultur hat blutige Füße“ (Heiner Müller). In der Zeit des Vergessens wurden die von der Kultur verursachten Massaker einer Anfangsbarbarei zugeschrieben, die es nie gegeben hat. Das Barbarische ist eine Abspaltung der Moderne und gehört in die apokalyptischen Endzeiten. Ernsthafte genealogische Versuche konnten hingegen beweisen, daß keine große „Kulturleistung“ ohne Gewalt ausgekommen ist. Zugleich breitete sich sofort nach dem gewalttätigen Anfang ein lähmendes Entsetzen und Schweigen aus, das oft erst nach Jahrzehnten, nach Jahrhunderten peu a peu aufhörte. Bazon Brock hat eine Forschergruppe „Kunst + Krieg, Kultur + Strategie“ ins Leben gerufen, die die geringen Chancen der Zivilisation gegen die Blutspur der Kultur erforschen soll. Interessant ist das von ihm ausgerufene „Theorem vom verbotenen Ernstfall“. Es „begründet die Eichung kultureller Aktivitäten am Maßstab des Unterlassens, des Verhinderns. Ihm zufolge gilt es, in die Geschichtsschreibung und in die politische Prospektion auch jene Ereignisse als bestimmend, folgenreich, großartig aufzunehmen, die nicht geschahen, weil man sie verhinderte. Die Geschichte dessen, was nicht geschah, die Geschichte des Unterlassens, Nicht-Tuns gilt es in kultureller, politischer, sozialer Hinsicht zu entwickeln“ (Prospekt Forschergruppe Kultur + Strategie, Herbst 2001).

Drittens

Kurz vor dem Angriff auf Afghanistan wurde im Fernsehen mehrfach die Sprengung der großen Buddha-Statuen durch die Taliban mit der Zerstörung des World Trade Centers in eine Synopse gezwungen, so daß man annehmen mußte, es handele sich um dasselbe. Damit wurde die Erinnerung an die Möglichkeit eines schöpferischen Ikonoklasmus – Residuum eines unberechenbaren Widerspruchs – für immer vernichtet, trotz massiver und teilweise abstruser Gegenwehr, wie sie zum Beispiel der große Musiker Karl-Heinz Stockhausen, der selbst schon den Lichtwelten angehört, unternommen hat. Er hat die Zerstörung der New Yorker Türme im Überschwang „das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos“ genannt und besonders die über viele Jahre reichende geistige Konzentration in der Planung, die Präzision in der Ausführung und die absolute Rücksichtslosigkeit gegenüber den Beteiligten bewundert. Er führt dazu aus: „Daß Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nicht träumen könnten, daß Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch für ein Konzert und dann sterben, stellen Sie sich das doch vor, was da passiert ist. Da sind also Leute, die sind so konzentriert für eine Aufführung und dann werden fünftausend Leute in die Auferstehung gejagt, in einem Moment. Das könnte ich nicht. Dagegen sind wir gar nichts als Komponisten. Manche Künstler versuchen doch auch über die Grenze des überhaupt Denkbaren und Möglichen zu gehen, damit wir wach werden, damit wir uns für eine andere Welt öffnen.“ (FAZ vom 19.9.2001) Nach solchen Sätzen wird die Frage unabweislich, ob man nach dem 11.9.2001 noch Künstler sein darf.

Viertens

Paul Virilio hat neuerdings Sätze, die er schon öfter zu Protokoll gab, zu der These verdichtet, daß die Kunst der Moderne eine Variante des Terrors darstellt, wie er erst neuerdings in seiner schrecklichsten Form aufgetaucht ist: als möglichst sinnlose Zerstörung mit möglichst vielen sinnlosen Opfern. Virilio: „Nachdem eine Maßlosigkeit die andere übertrifft, hat heute die Gewöhnung an den Schock der Bilder und das mangelnde Gewicht der Worte zu einem tiefgreifenden Wandel der Weltbühne geführt. Die erbarmungslose zeitgenössische Kunst ist nicht mehr schamlos, sondern sie hat sich die Schamlosigkeit der Schänder und Folterknechte, den Hochmut des Henkers zu eigen gemacht.“ (Nach Peter Bexte, FR vom 15.9.2001) Mit anderen Worten: die Kunst stellt nicht das Elend der Welt dar, um für ein besseres Leben zu plädieren, sondern sie ist ein Motor der Verelendung. Sie ist keine Lupe der Schande, sondern selbst die Schändung. Sie ist nicht Zeuge des Schindludertreibens, nein, sie treibt selbst Schindluder. Mit einem solchen Urteil entfallen all jene Positionen, die auf ein „Drittes“ hinausgelaufen waren, zum Beispiel Franz Kafkas mutiges Schreiben. In der stahlharten Alternative zwischen Opfer- und Massakergesellschaft wird jeder Widerstand aufgerieben. Die Kunst als ein „Heraustreten aus der Totschlägerreihe“ (Franz Kafka) ist nur noch eine sterbende Metapher.

Fünftens

Das Schrecklichste aber ist der Umstand, daß sich dieser alternativlose Terror im Gesicht des „größten Retters der Welt“ so spiegelt, daß wiederum dieser sich in der terroristischen Fratze zu spiegeln gezwungen ist. Es gibt eine Verkettung, die die sich spiegelnden Identitäten füreinander zugleich zwingend verbindlich und völlig undurchsichtig werden läßt. Von nun an existieren nur noch zwei Ansichten von der Welt, die verschränkt dasselbe sagen und zugleich nichts. Dadurch, daß die Täter Opferstatus für sich beanspruchen können (Bernd Ternes), wird ein vormoderner Diskurs aufgerufen, wie er sich im mittelalterlichen Europa schon einmal verhängnisvoll ausgewirkt hat. Aus der manichäischen Rhetorik, die nach beiden Seiten in die Extreme geht und der Formel Präsident Bushs, daß es „keine Neutralität“ gibt, wird die fatale Konsequenz gezogen, daß es so ist. Dieselbe Rechnung macht Osama bin Laden auf, wenn er darüber wie in der Koranschule doziert (SZ vom 11.10.2001). Es ist in der Tat verhängnisvoll, was der Terror tatsächlich erreicht: die Teilung der gesamten Welt in zwei Lager, das der Gläubigen und das der Ungläubigen. Die archaische Logik einer gegenseitigen Unterstellung, daß der andere der Satan sei, lähmt das Verstehen und blockiert jeglichen Dialog. Zugleich tritt ein fast spurloses Vergessen auf, das zu endlosen Wiederholungen zwingt.

Sechstens

Das manifestiert sich in einer lang wirkenden „Dialektik der Rettung“, deren Ergebnisse jederzeit diametral den Intentionen zuwider laufen. Die Strategien der Retter sind seit langem nur noch gut gemeint – wie das Gegenteil von Kunst. Es liegt in der Absicht, die Welt zu retten, ein noch weitgehend unbekanntes Übergewicht an Zerstörung, das sich insbesondere nach dem naiven Muster des „Unesco-Weltkulturerbes“ vollzieht, mit dem absurden Ergebnis, daß das entsprechende Etikett lediglich anzeigt, daß etwas nicht mehr lebendig ist. Unter der Hand werden die Dinge in ein Bild der Dinge verwandelt. Sie verlieren ihre Körperlichkeit und Materialität und werden in ein ewiges, das heißt totes Universum überführt. Hier gilt keine einfache Umkehrung: die Zerstörung ist und bleibt Zerstörung, aber die Rettung ist es auch. Die Unmöglichkeit, einen dritten Term in Anspruch zu nehmen, läßt einem nur die Alternative zwischen Zerstörung und Zerstörung. Der Terrorismus ist der Feind der Zivilisation. Die Zivilisation ist der Feind des Lebens. Wer heute leben will, muß sich gegen die Zivilisation wenden, die sich gegen den Terrorismus wendet. Er ist jedoch damit nicht partout Parteigänger des Terrors. – Der Terrorismus bringt der Zivilisation den Tod. Die Zivilisation bringt dem Leben den Tod. Wer heute leben will, weiß, daß keine Form des Terrors dem Leben das Leben zurückbringen wird. Der angegebene Zirkelschluß läuft nach zwei Seiten auf den Tod hinaus. Das Leben lebt vom ausgeschlossenen Dritten. Das ausgeschlossene Dritte gehört zur Vorgeschichte der Philosophie, der Wissenschaft und der Kunst.

Siebtens

Stattdessen sucht man Rat in Hollywood. Es scheint, als ob die ausgekochten Phantasien der Filmemacher, insbesondere in Richtung der Katastrophenfilme, präziser sind als die Archive der Nachrichtendienste und die Daten der Presse. Während der ganzen Zeit der Reflexionen und Kommentare hat man schon versucht, in der menschlichen Imagination eine subtile Vorschrift statt eines Nachbildes der Wirklichkeit dingfest zu machen. Einige haben es zur Virtuosität der Metaphern und Chiasmata gebracht, die nun ihrerseits den unwahrscheinlichen Schluß nahelegen, es könnte das menschliche Denken Herr und Meister der Wörter und der Bilder werden, wobei das anfängliche Delirium in Kauf genommen wird. Friedrich Kittler hat das in einem Parforce-Ritt durch die Weltgeschichte kürzlich vorgeführt. Im Nachgang zu Nietzsche und Foucault steht dort zu lesen: „Der alte Schrecken steckt in unseren Knochen. Hoch zu Roß tritt bin Ladin vor die Pressekameras. Aufrecht im Jeep sollen noch vor wenigen Jahren Arabiens junge Emire ins nördliche Pakistan eingeflogen sein, da wo heute die Koranschulen blühen, um unter Zelten, Märchen und Staubwolken ihre hochmittelalterliche Kunst, mit Vögeln zu jagen, ins hochtechnische Heute zu übersetzen: Jeeps haben die Pferde abgelöst, Charterjets die Kamele; nur der gezähmte Falke und sein Ziel, ein nomadischer Greifvogel am Steppenhimmel, bleiben todesmutig, wie sie waren. Wir vergessen gern und oft, daß Kreuzritter und Sarazenen dieselben Pferde ritten, bevor der Alte vom Berge seine Assassinen – Haschischesser und Mörder zugleich – auf alle beide hetzte.“ (FAZ vom 5.10.2001: „Denen die Wüste wächst. Der neue Terror und seine Nomaden“). Die Farbe der Szene: Lapislazuli.

© Kamper

Mehr auf > CultD

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kamper (Dietmar), Virilio (Paul) veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s