Dietmar Kamper: Der Augenblick des Ketzers (2001)

Methodologische Präliminarien

Für Rudolf Heinz

Es ist riskant, zuletzt immer auf dieselbe Manifestation zu sprechen zu kommen: auf die Konfrontation von Sterblichkeit und Unsterblichkeit, von Geistesgegenwart und geistiger Gegenwartsunfähigkeit, von „wahrem“ Augenblick und „falscher“ Ewigkeit. Die inquisitionsgeborene Orthodoxie kannte keine größere Sünde als die Behauptung, es gäbe ein erfülltes Dasein im Diesseits und es könne der einzelne Mensch in Freiheit dafür einstehen. Sobald sich diese „Sünde wider den Heiligen Geist“ regte, oft schon vorher, wurde sie mit allen Mitteln „plattgemacht“, auch dadurch, daß man sie beim Namen nannte. Das ist die Crux. Der Augenblick weiß sich nicht. Er kann sich nicht verteidigen, weil der Widerstreit, dem er ausgesetzt ist, nicht auf der Ebene gelehrten Wissens stattfindet. Die Gerichtsszene selbst ist bereits der Sieg über den vermeintlichen Kontrahenten und damit das Ende aller Gerechtigkeit. Deshalb läßt sich mittels der Ketzerakten nicht, auch nicht durch die sorgsamste Eruierung möglicher Gegenbilder herausfinden, um was es bei den Prozessen wirklich gegangen ist. Auch die Ketzer, einmal vor die Schranken des Gerichts gezerrt, wußten es nicht. Es kommt immer derselbe todgeredete Quatsch heraus, der sich aus den Unterstellungen der Anklage nährt und viel mehr vom Todhaß auf das Leben verrät, als den Anklägern lieb sein kann. Deshalb also ist die umgekehrte Perspektive fällig, nämlich nachzuforschen, wie die Orthodoxie ihre Großherzigkeit verlor und zu diesem miesen, kleinkarierten Tribunal wurde, das bis heute in vielerlei Gestalt folgenschwer am Werk ist. Häresie heißt selber denken, wobei der Ausgang ungewiß ist. Orthodoxie ist Denken im Auftrag und wird so zwangsläufig zum Prüfen und Überprüfen bereits feststehender Resultate. „Die richtige Lehre“ existiert immer schon, auch zum Zeitpunkt ihrer Ausarbeitung. Eine richtige Häresie gibt es nicht, insofern sie von Anfang an insuffizient ist in Betracht des Unaussprechlichen, das sie am Leben erhält. Diese „Schwäche“ haben sich die Gegner zu nutze gemacht und mit allen Mitteln versucht, den Nachweis zu führen, daß es ein Unaussprechliches nicht gibt und daß, falls es doch ein Unaussprechliches gibt, es bereits „richtig“, d.h. orthodox formuliert wurde. Alle Ketzerei sei, so betrachtet, verlorene Liebesmüh. Viele haben aufgegeben in der Not der Verzweiflung, aber nicht alle. Gelegentlich kam eine Antwort durch, die ins Herz der verschatteten Vernunft traf, mittels der eigenen Ungewißheit die lächerliche Gewißheit des rechten Glaubens attackierte und ausdrücklich bezweifelte, ob es überhaupt eine Orthodoxie gibt. Dann zumeist wurde Feuer und Schwert zur Klärung der Lage eingesetzt.

Es war nie die Stärke, sondern die Schwäche des Glaubens, die zur Orthodoxie-Bildung führte. Der Orthodoxe braucht den Ketzer, um sich zu festigen. Ein Mechanismus von brutaler Einfachheit. Man lebt vom Tod des Anderen. Nach und nach erfaßt die Brutalität auch den Ketzer, der seinerseits nach „Rechtgläubigkeit“ verlangt, so daß über lange Zeiten der Auseinandersetzung hin nur noch zwei Orthodoxien im Spiel sind. Das gibt zu manchen Verwirrungen Anlaß, von denen die Ketzergeschichten voll sind. Fast alle Autoren sehen sich genötigt, angesichts der erscheinenden Symmetrie die Standpunkte zu klären, ob man heute dafür oder dagegen ist. Damit aber reiht man sich ein in eine „mentale“ Orthodoxie, die für das notwendig asymmetrische Verhältnis, das ihr vorausgeht, keinen Sinn mehr hat. Orthodoxie ist eben zunächst kein Register zur Reinigung verschmutzter Institutionen, sondern ein transzendentales Selbstverhältnis des Denkens selbst. Das gilt sowohl für die „Gegenstände“ der Untersuchung, als auch für die „Methode“ der Untersuchung. Dadurch, daß das untersuchende Denken nah bei sich selbst eine Art Zwangsvollstreckung übt, setzt es sich außer Kompetenz, bei dem Wort Freiheit etwas anderes zu hören als Bedrohliches und Gefährliches. Freiheit aber ist das große Schlüsselwort der Häresie.

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