Friedrich Kittler – Ontologie der Medien (2007)

Ein Vortrag von Friedrich Kittler
(11.7.2007, Bochumer Kolloquium Medienwissenschaft)

***

Friedrich Kittler (*) [1943-2011] war einer der einflussreichsten und bedeutendsten deutschen Medientheoretiker und begründete die „Berliner Schule“ in der Medienwissenschaft. Kittler steht für einen neuen Ansatz der Medientheorie, der von den technischen Medien ausgeht und ab den 1980er Jahren zunehmend populär wurde.

Den Begriff „Aufschreibesysteme“ entlehnte Kittler dem Werk von Daniel Paul Schreber. Er bezeichnet bei Kittler „das Netzwerk von Techniken und Institutionen […], die einer gegebenen Kultur die Adressierung, Speicherung und Verarbeitung relevanter Daten erlauben.“ Dies ist auch als Sympathieerklärung (in der Tradition Foucaults) für den Wahnsinn zu verstehen. Laut Kittler hat alle Wissenschaft ein paranoides Element.

Kittlers zentrales Projekt war es, „den Menschenwissenschaften […] ihr medientechnisches Apriori nachzuweisen“ (Hartmut Winkler), oder, mit seinen eigenen Worten, die „Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften“, so der gleichnamige Titel einer Veröffentlichung aus dem Jahr 1980.

Kittler lehnte Marshall McLuhans Lesart der Medien als “extensions of man” ab: „Medien sind keine Pseudopodien, die der Menschenkörper ausfahren würde. Sie folgen der Logik der Eskalation, die uns und die Schrift-Geschichte hinter sich läßt.“ [Friedrich A. Kittler: Geschichte der Kommunikationsmedien. – In: Jörg Huber, Alois Martin Müller (Hrsg.): Raum und Verfahren. Basel: Stroemfeld/Roter Stern 1993] Medien aber sind nie autonom, vielmehr ist ihre Nutzung immer historisch.

Vereinfachend könnte man Kittlers Thesen dahingehend zusammenfassen, dass unser Wissen (und das, was wir für wahr halten) entscheidend von den Kulturtechniken abhängt, die wir benutzen.

Folglich sieht er im Schreiben von Literatur, dem Schreiben von Computerprogrammen und dem Einbrennen von Strukturen in Silizium-Chips ein Kontinuum:

„Wie wir wissen und nur nicht sagen, schreibt kein Mensch mehr. […] Heute läuft menschliches Schreiben durch Inschriften, die […] mittels Elektronenlithographie in Silizium eingebrannt ist […]. Letzter historischer Schreibakt mag es folglich gewesen sein, als in den späten Siebzigern ein Team von Intel-Ingenieuren […] die Hardware-Architektur ihres ersten integrierten Mikroprozessors [aufzeichneten].“ [Friedrich Kittler: Es gibt keine Software. In: Friedrich Kittler: Draculas Vermächtnis. Technische Schriften. Leipzig: Reclam 1993]

Kittlers technologisch-materialistischer Blick auf alle Hervorbringungen der Kultur wurde in den 1980er Jahren Mode unter Studenten und jungen Geisteswissenschaftlern, die man spöttisch „Kittler-Jugend“ nannte. Die Medientheoretiker Norbert Bolz, Bernhard Siegert, Wolfgang Ernst und Claus Pias sind Schüler Kittlers.

(*) Aus Wikipedia

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